Lust an der Veränderung

Künstliche Intelligenz und Private Equity dominieren derzeit die Diskussion über die Zukunft von Steuerberatungs- und WP-Kanzleien. Doch jenseits von Buzzwords geht es um echte strategische Weichenstellungen.

Im Interview mit Volker Ervens, Managing Partner von Wortmann & Partner, sprechen wir über Herausforderungen und Chancen des Marktes und die Frage, wie Kanzleien aus eigener Stärke zukunftsfähig bleiben. Ein Gespräch über Haltung, unternehmerisches Denken – und warum der Faktor Mensch am Ende den Unterschied macht.

Wenn ich abgleiche, welche Themen die öffentliche Diskussion rund um die Zukunft von Steuerberatungs- und WP-Kanzleien beherrschen, sind das vor allem KI und PE, also Private Equity. Das wird auf unterschiedlichen Ebenen mit unterschiedlicher Intensität diskutiert.
Wie nimmst du die Diskussion rund um die beiden Buzzwords KI und PE wahr?

Volker Ervens: Innerhalb unserer Kanzlei sind das nicht nur Buzzwords. PE ist ein strategisches Thema, natürlich schauen wir uns auch an, was sich da gerade bewegt und was die Beweggründe sind.

KI ist bei uns ganz oben auf der Tagesordnung. Wir sind überzeugt, dass uns KI wesentlich nach vorne bringen und der Digitalisierung einen entsprechenden Push geben wird. Wir können dadurch deutlich effizienter werden. Und es schafft die Grundlage, unser eigentliches Pfund noch viel stärker ausspielen zu können, nämlich die höchstpersönliche Beratung. Wenn wir effiziente Prozesse haben, schafft uns das mehr Freiraum, nah am Mandanten zu sein. Es bedeutet zweifellos eine gewisse Anstrengung, da hinzukommen und dem Tempo standzuhalten und nicht mehr das Gefühl zu haben, man hechelt hinterher, denn die nächsten sind ja meist schon weiter. Vielleicht nicht in der Branche, aber grundsätzlich im Bereich KI insgesamt. Wir gehen das mit Bedacht an, wobei unser Slogan lautet „Einfach machen“. Damit meinen wir auch, es nicht zu kompliziert machen – somit „Einfach machen“ im doppelten Wortsinn.

Und wie ich euch einschätze, seid ihr auch nicht einfach so wie viele gestartet nach dem Motto „irgendwas müssen wir ja machen“, sondern habt euch das konzeptionell vorneweg sehr gut überlegt. Denn das ist die Schwäche, die ich in vielen Einheiten feststelle, wo man fast schon von Aktionismus sprechen kann. Und hinterher wundern sich alle, dass der Nutzen ausbleibt.

Volker Ervens: Ja, das ist richtig. Erstmal haben wir natürlich einen Ausschuss gebildet und uns reingetestet in die verschiedenen Möglichkeiten. Jetzt geht es aber auch darum, sinnvolle KI-Agenten zu bauen und wirklich in die Mehrwerte zu kommen und KI nicht nur als Recherchetool zu nutzen. Dabei lassen wir uns auch durch Profis begleiten. Wir haben im Team sukzessive KI-Know-how aufgebaut und können das jetzt anwenden und entwickeln unsere Fähigkeiten, intelligent und effizient zu prompten. Diese Kompetenz müssen wir weiter ausbauen. Und wenn wir merken, dass wir an Grenzen stoßen, holen wir Profis ran, die uns die passenden Helferlein bauen. Für mich ist aber auch wichtig, dass wir den Ansatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ stärken. Das ist die Erwartung an die externen Berater und auch an unser Team.

Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass wir unsere Mandanten auf dieser Reise begleiten wollen. Auch dafür brauchen wir die entsprechenden Kompetenzen und einen wachen Blick. Wir schauen uns auch sehr genau an, wie unsere Mandanten KI nutzen und das ist ja auch das Schöne an unserem Beruf, dass wir überall reinblicken können und Best Practices rausziehen können, um dieses Wissen zusammen mit den eigenen Erfahrungen dann auch überzuleiten auf die Mandanten, die vielleicht noch nicht so weit sind.

Werfen wir mal einen Blick auf Private Equity. Wenn ich nach den Treibern suche, warum dieses Thema aktuell so gehypt wird, sehe ich drei Dinge, die da eine Rolle spielen: Das eine ist die Notwendigkeit, massiv zu investieren, nicht nur in KI, sondern insgesamt in Technologie und IT. Der zweite Treiber sind ungelöste Nachfolgefragen und das dritte Argument ist das Streben nach Größe, mit der man häufig Schlagkraft oder Attraktivität verbindet. Kannst du diesen Überlegungen grundsätzlich etwas abgewinnen oder wie ist deine Einschätzung dazu?

Volker Ervens: Ja, das sind sicherlich die drei Spielfelder, in denen man sich bewegt, wenn man sich das Thema Private Equity im Steuerberatungsmarkt anschaut und das eine oder andere Gespräch diesbezüglich führt.

Es sind für mich, ehrlich gesagt, drei klassische unternehmerische Bereiche, die ich im Blick haben muss als Kanzlei, als Unternehmen. Und da will ich gar nicht unterscheiden zu einem Mandanten. Wir sind ein Unternehmen mit knapp 115 Mitarbeitenden und haben natürlich ebenfalls gute Lösungen zu finden, was die notwendigen Investitionen, die Nachfolgeregelung und Größen- bzw. Skaleneffekte angeht. Die Frage ist dabei auch, ob wir das aus uns heraus selbst heben können. Letztlich ist es eine unternehmerische Entscheidung, eine strategische Entscheidung oder ein strategisches Feld, das wir im Blick haben. Und das nicht erst, seitdem es Investoren gibt, die in unseren Markt hineinwollen.

Ich weiß, dass Ihr Euch regelmäßig diesen strategischen Fragen stellt. Das findet in der Intensität und Ernsthaftigkeit nach meiner Beobachtung immer noch nicht durchgängig in der Branche statt. Für mich gibt es drei Gruppen, wenn ich die mal clustern müsste: es gibt die, die sagen, das interessiert uns alles gar nicht, unser Geschäft hat bisher funktioniert und wird auch weiter funktionieren. Dann gibt es die, dazu zähle ich euch, die aus eigener Kraft heraus sagen, wir stellen uns bestmöglich auf im Sinne Modernisierung/Professionalisierung und tun alles dafür, dass wir eben aus eigener Kraft wettbewerbs- und zukunftsfähig bleiben und die dritten sind die, die jetzt weiter über den eigenen Tellerrand gucken und sagen, wir erzeugen Größe durch Übernahme anderer Einheiten, indem wir uns anderen anschließen oder sie wählen direkt den PE-Weg. Wie ist Dein Blick darauf? Wird es irgendwann einen Verdrängungsmarkt geben und wird dann eine natürliche Auslese erfolgen?

Volker Ervens: Für die Einheiten, denen die Schlagkraft oder das Zutrauen fehlt, weil sie die Themen vielleicht auch strategisch zu spät angegangen sind, kann PE eine Lösung sein. Ob man, platt gesagt, aus dem Umstand heraus, dass Investitionen notwendig sind oder die Nachfolge noch nicht geregelt ist, die Entscheidung ableitet, das eigene Unternehmen zumindest anteilig zu verkaufen und damit Eigenverantwortlichkeit zumindest teilweise abzugeben, muss jeder für sich entscheiden. Das will ich gar nicht werten im Sinne von „Wie kann man nur?“. Nein, da mag die eine oder andere Kanzlei sich in der richtigen Phase befinden, dass das für sie die passende Lösung ist.

Für uns ist es das aktuell nicht, weil wir immer versucht haben, unser eigenes Spielfeld aufzubauen und zu organisieren. Das betrifft sowohl die Nachfolge, da haben wir ein langjährig aufgebautes Partnermodell, das funktioniert, das auch die nächsten Jahre, so glauben wir fest, gut funktionieren wird. Und im Bereich Skaleneffekte und Effizienzen blicke ich u.a. auch in unseren Verbund, einem internationalen Verbund. Wenn man den Verbund mit den dort vertretenen nationalen Kanzleien gut lebt, dann kann man sich ebenfalls einige Aufgaben teilen. Aber ja, wir sind jetzt auch in einer gewissen Größe, wo es schon Überlegungen gibt, auch strategisch wieder neue Weichen zu stellen. Aber die wäre für uns im Moment nicht, einen Investor reinzunehmen, um diese Problemfelder zu lösen. Wir sind überzeugt, das können wir aus eigener Stärke.

Mal weg von KI, mal weg von Private Equity. Aus meiner Sicht macht der Faktor Mensch den Unterschied. Und das ist das, was ich bei euch erlebe und was für mich auch ein Auslöser war, mit dir dieses Gespräch zu führen. In der Intensität und Form, wie ihr den Faktor Mensch nach vorne stellt und das auch lebt, sehe ich das selten in der Branche. Das scheint kein Zufall zu sein, da scheint Strategie hinter zustecken. Magst du dazu mal zwei, drei Sätze sagen, was euch da umtreibt und antreibt?

Volker Ervens: Dankeschön erstmal dafür. Ja, ich glaube, das ist der grundlegende unternehmerische Ansatz von Wortmann & Partner. Wir sind eigentlich immer schon frühzeitig, seitdem wir diese Partnerschaft aufgebaut haben, mit dem Blick rausgegangen, dass wir unsere Mandanten eben auch unternehmerisch begleiten wollen. Und dann musst du diesen tiefen Blick auch tatsächlich haben. Dadurch, dass wir zu unseren Mandanten eine große Nähe aufbauen, schlüpfen wir immer wieder in die Rolle des Coaches, Begleiters oder Sparring-Partners. Dabei sehen wir häufig sehr gut, warum Unternehmen erfolgreich sind, oder auch nicht. Wenn man da mit wachem Blick drauf schaut und analysiert, warum das so ist, so lernt man auch für sein eigenes Unternehmen. Wir versuchen, uns bestmöglich aufzustellen, was unsere Prozesse angeht, was Employer Branding und das ganze Thema der Personal- oder Mitarbeiterakquise angeht, aber auch was Technik angeht.

Du hast eben gesagt, der Mensch ist entscheidend und das ist etwas, was wir immer versucht haben, aufzubauen. Die Nähe zum Mandanten, nicht um uns reinzudrängen, sondern weil wir Themen besetzen möchten, die dem Mandanten weiterhelfen. Und das können wir umso besser, je näher wir dran sind, je besser wir sein Geschäft verstehen und eben nicht „nur“ den Blick auf die steuerliche Optimierung haben. Den Mandanten und sein Geschäft zu verstehen, ist unser Hauptauftrag, unser Herzschlag, dafür brennen wir.

Deine Gedanken kann ich gut nachvollziehen, aber wenn es so einfach wäre, müsste mir dieses Mindset im Kanzleimarkt häufiger begegnen. Es ist doch eine Frage der Haltung und Kanzleikultur. Bei euch scheint es in der DNA verankert zu sein, oder?

Volker Ervens: Ja, ein Stück weit ist das so. Es ist aus dem Partnerkreis heraus so entstanden und gewachsen, das stimmt. Aber ich glaube, das können andere auch. Da will ich jetzt gar nicht sagen, Mensch, wie toll machen wir das und wie einzigartig. Aber ich glaube schon, dass wir da einen sehr guten Weg gefunden haben. Aber auch wir biegen mal falsch ab, ja, und das ist okay. Oder wir wachsen mal zu schnell und dann muss mal wieder die Organisation nachgezogen, Effizienz in die Prozesse gebracht werden. Aber unter dem Strich zeichnet uns auch aus, dass wir ein Gespür haben für Innovation und auch den Mut, neue Wege zu gehen und die auch mal proaktiv anzugehen, auch mal hier und da Pilot zu spielen für gewisse Themen. Natürlich muss man dabei auch aufpassen, dass man sich nicht verzettelt. Aber ich sag mal so, es ist eine gewisse Lust an der Veränderung, wenn auch Veränderung manchmal natürlich anstrengend ist.

Ich habe eine Abschlussfrage, Volker. Wenn du das Jahr 2026 in deiner Rolle als Managing Partner unter eine Überschrift stellen müsstest, wie würde deine Schlagzeile lauten?

Volker Ervens: Gute Frage, aber auch nicht ganz einfach. Die Schlagzeile müsste in die Richtung gehen „Die Möglichkeiten im Markt als Chance sehen und nicht als Bedrohung“. Die Themen künstliche Intelligenz und Digitalisierung bieten große Chancen. Es kommen sicher auch neue Spieler auf den Markt, die man als Bedrohung empfinden könnte. Es war aber immer hilfreich, wenn die Marktbegleiter einen wachhalten. Wenn man herausgefordert wird, dann schläft man nicht ein, dann ist man auch nicht zu satt. Wir dürfen uns auch nichts vormachen, was unseren Schutz durch die Vorbehaltsaufgaben angeht. Auch da wird es Entwicklungen geben und dieser Bereich wird auf Dauer nicht mehr so geschützt bleiben. Die Herausforderungen werden nicht weniger, das wird spannend. Der Markt wird sich verändern und da lässt sich auch die eine oder andere Bedrohung heraus ableiten. Für mich stehen die Chancen im Vordergrund und daher bleibe ich bei der Überschrift für 2026 „Die Möglichkeiten im Markt als Chance sehen und nicht als Bedrohung“.

Lieber Volker, vielen Dank für Deine Zeit und Deine Offenheit.

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Das Interview wurde geführt von

ALEXANDER SIEBEN

Alexander Sieben ist Diplom Ökonom und Gründungspartner von SIEBEN&PARTNER. Er war lange Jahre in einer namhaften Unternehmensberatung tätig. Dort hat er u.a. den Bereich Marketing und Vertrieb für die Mittelstandsberatung aufgebaut und war im Bereich Business Development tätig. Seine derzeitigen Beratungsschwerpunkte sind Kanzleistrategie, Kanzleimarketing sowie die digitale Transformation von Kanzleien.